Aber bitte mit System!

Wie Männer bedrängt werden wollen und warum Silvester-Vorsätze nur bis Februar halten

Es gibt viele Gründe, das neue Jahr mit guten Vorsätzen zu beginnen. Mein Grund heißt Holger. Mit Holger wird alles anders, alles besser werden. Der Vorsatz fürs neue Jahr lautet nämlich: Kennenlernen mit Plan.

 

Holger habe ich an Silvester kennen gelernt. Wir haben gelacht, getanzt, geredet. Mehr ist nicht passiert, das ist ein wichtiger Teil der neuen Strategie. Denn Holger ist toll, Holger ist ein Kandidat. Viel zu hübsch und zu schlau und zu charmant, um als einmalige Sache spontan erledigt zu werden.

 

Holger fällt in die Kategorie »potentieller neuer Freund«. Und das erfordert eine systematische Herangehensweise.

Vor dem Vorsatz hatte ich nie nachgerechnet, wer sich wann bei wem das letzte Mal gemeldet hatte, sondern einfach angerufen. Ohne zu überlegen, ob mein neuer Flirt es toll findet, wenn ich ihm Sonntagmorgens um halb sieben betrunken ins Ohr säusele, was ich ihm schon immer einmal sagen wollte. Vielleicht verlief mein Liebesleben im vergangenen Jahr deshalb so desaströs.

 

Das sollte sich ändern, und deshalb erlegte ich mir von Silvester an strenge Regeln auf: kein Kuss beim ersten Treffen, von Sex ganz zu schweigen. Durch taktische Zurückhaltung den Jagdtrieb des Begehrten zu wecken, das war der Plan. Und Holger das erste Versuchsobjekt. Er würde nicht gleich beim ersten Telefonat erfahren, dass ich schon weiß, wie sich mein Vorname in Kombination mit seinem Nachnamen anhört, und dass ich dank Google-Recherche jede Menge Fotos aus seiner Abi-Zeit kenne. Nein, diesmal würde ich alles richtig machen.

 

Soweit die Theorie, die ich schweren Herzens auch befolgte. Nach dem gemeinsam durchtanzten Abend verabschiedete ich Holger betont beiläufig: »Vielleicht laufen wir uns ja mal wieder über den Weg.« Es schien zu funktionieren, er wollte meine Nummer.

 

Zwei Tage später piepte mein Handy. Er fragte mich, ob ich Lust auf einen Kaffee hätte. »Lass mich mal überlegen, hm, och ja, Kaffee, warum nicht, ich hab heute eh noch nix vor«, gähnte ich in den Hörer, obwohl ich eigentlich lieber gejubelt hätte: »Kaffee? Mit dir? Großartig! Ja! Total gern! Das ist ja toll, dass du fragst! Und danach können wir ja einen Spaziergang machen, dann zusammen kochen und ein Video gucken, und ich übernachte dann bei dir, okay?«

 

Wir trafen uns, er erzählte von seinen Plänen, und ich schmolz mit jedem Satz weiter dahin. Die Judith des vergangenen Jahres hätte gesagt: «Ich will mit auf deine Australienreise, lass uns gleich telefonisch ein Ticket reservieren.»

 

Aber so leicht auszurechnen wollte ich ja nicht mehr sein, obwohl ich in Gedanken schon mit unseren zukünftigen Kindern über blühende Wiesen hüpfte. »Meld dich, wenn du magst« war mein Abschied, obwohl er eigentlich hätte lauten müssen »Nein, geh nicht! Jede Minute ohne dich ist eine Qual«. Ich war stolz auf mich und meine Selbstdisziplin.

Holger meldete sich nicht, ich starrte tagelang untätig mein Handy an. Ihn einfach anrufen? Niemals. Männer wollen nicht bedrängt werden, verdammt!

 

Schließlich hielt ich das Warten nicht mehr aus und griff zum peinlichsten Trick überhaupt. Ich schrieb eine mit »Hallo Isa« beginnende SMS und schickte sie absichtlich an Holgers Nummer. H kommt ja gleich vor I, im Telefonbuch verrutscht, oops, Entschuldigung, kann ja mal passieren. Jetzt musste er sich doch melden und den Irrtum aufklären.

 

Da! Es klingelte! ER war es tatsächlich! Bevor er ein Wort sagen konnte, sprudelte es aus mir heraus: Wie froh ich bin, dass er anruft, dass ich ihn vermisst habe, dass ich Angst hatte, er würde mich doof finden - und ob ich mit nach Australien darf. Holger lachte. »Echt? Ich dachte, du hättest kein Interesse an mir. Du wirktest so verkrampft und gelangweilt.«

 

Ich musste grinsen. Pah, Vorsätze. Länger als bis Februar hab ich die sowieso noch nie durchgehalten.

 

UniSPIEGEL 1/2005