Süchtig
Ich bin süchtig. Viele andere sind es auch. Es wird Zeit, die Gesellschaft zu warnen.
Ich hab relativ schnell gemerkt, dass ich süchtig bin. Doch bis vor kurzem dachte ich noch, ich stände mit diesem Problem alleine da. Traute mich kaum, mit jemandem darüber zu reden, glaubte, keiner
könne mich verstehen.
Durch einen Zufall fand ich heraus, dass es noch andere gibt. Es war in der Uni-Bibliothek. Ich hatte mich extra wieder an meinen Lieblingsplatz zum Arbeiten gesetzt, der, an dem mir keiner auf den
Laptop-Bildschirm gucken konnte. Niemand sehen konnte, was ich da eigentlich tat, während ich vorgab, über Dantes Staatsidee nachzudenken. Ich hatte schon Angst, mich durch das ständige Doppelklicken
der Maus zu verraten. Zwischen zwei Runden ließ ich meine Blicke im Raum umherschweifen, als ich es plötzlich sah – auf dem Bildschirm eine Reihe vor mir: das grüne Feld, die weißen Rechtecke, wie
sie sich bewegten, hin- und hergeschoben wurden, davor ein Kommilitone mit sinnentleertem, fast narkotisiertem Blick!
Ich war schockiert und erleichtert zugleich. Es gab noch jemanden auf dieser Welt, der das tat!
Ich überlegte, was ich tun sollte. Schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach ihn an. Er zuckte zusammen, klappte den Bildschirm nach unten, so wie ich es selbst schon tausendfach getan
hatte, wenn plötzlich jemand mein Zimmer betrat. „Keine Angst“, flüsterte ich. „Du musst dich nicht schämen. Ich habe das gleiche Problem.“ Ungläubig blickten seine Augen zu mir auf. „Was? Du auch?“
Ich nickte nur. „Lust auf einen Kaffee in der Mensa?“
Noch drei Stunden später saßen wir an einem der langen Tische, vor uns leere Kaffeebecher und redeten und redeten. Es tat so gut, das alles von der Seele zu bekommen, zu wissen, dass es noch andere
gibt, denen es ähnlich geht. Wir erzählten uns alles. Was wir bereits alles nicht hingekriegt hatten, wegen der Sucht. Bei mir waren es drei Hausarbeiten, die ich so spät erst fertigbekommen habe,
dass die Profs sich weigerten, sie noch anzunehmen. Bei ihm war es ein Referat, das er vollkommen unvorbereitet nach zehn Minuten abbrechen musste. Außerdem hatte er schon das zweite Mal Verlängerung
für seine Magisterarbeit beantragt. „In drei Wochen muss ich endgültig abgeben, und ich kann es trotzdem nicht lassen“, erzählt er verzweifelt. „Sobald ich vor dem Laptop sitze, vor mir das
Word-Dokument, geht der Mauszeiger fast automatisch seinen Weg: Start, Programme, Spiele, und dann ist es da. Ein Klick, und das beruhigende Grün erscheint. Stundenlang schiebe ich dann schwarz auf
rot, rot auf schwarz, Ass nach oben. Denke an nichts mehr, bin wie hypnotisiert, und meine Magisterarbeit ist ganz weit weg.“ Ich nicke bestätigend. „Bei mir das gleiche. Ich hab eine Verknüpfung in
der Taskleiste, dann geht das noch schneller, verdammt. Ich versuche, dagegen anzukommen, denke mir immer, nur noch ein Spiel, dann machst du zu, nur noch einmal gewinnen, dann hörst du auf, nur noch
soundsoviel Punkte, dann ist genug. Aber ich schaffe es einfach nicht.“ „Hast du schon mal den harten Entzug versucht?“ fragt er mich. „Du meinst, es zu… löschen?“ Bei dem Wort zucken wir beide
zusammen. „Ja. Hab ich. Also, nicht ganz. Ich habs vorher auf CD gebrannt. Und auf dem Dachboden versteckt. Aber länger als zwei Tage hab ich’s nicht ausgehalten und es prompt wieder installiert.
Nach drei Wochen hab ich es noch mal versucht und die CD sogar zu meinen Eltern geschickt, damit ich nicht drankomme. Aber dann hab ich diese Seite von Microsoft im Internet entdeckt. Wo man es
runterladen kann. Verdammt.“
Betroffen kratzen wir beide mit unseren Löffeln in den leeren Kaffeebechern. „Ähm, entschuldigt…?“, kommt es plötzlich schüchtern vom Nebentisch. „Ihr redet von Solitär, oder? Mir geht’s genauso. Es
fing damals mit erst Minesweeper an. Aber mittlerweile bin ich sogar soweit, dass ich parallel auch noch SpiderSolidär spiele.“ Wir erschaudern. Oh Gott. Wir sind viele! Tausende womöglich!
„Ich hab mich übrigens mal erkundigt“, erzählt das Mädchen vom Nebentisch. „Und dabei herausgefunden, dass dieses Spiel von Microsoft im Auftrag der Bildungsministerien der Länder entwickelt wurde.
Kurz bevor dann offiziell die Langzeitstudiengebühren eingeführt wurden.“ Skandal!!! Aber ich hab es ja immer schon geahnt. Wenn da nicht ein perfider Plan dahinterstecken würde, dann wäre das Spiel
doch schon längst unter das Betäubungsmittelgesetz gefallen! „Eigentlich hatte ich vor, damit an die Öffentlichkeit zu gehen“, meint das Mädchen. „Aber immer, wenn ich das Word-Dokument öffne, um den
Brief an den SPIEGEL zu schreiben… Naja, ihr wisst ja…“ Ja. Wissen wir. Und gehen wieder hoch in die Bibliothek, um zwischen Bücherreihen sitzend weiter rot auf schwarz, schwarz auf rot zu schieben.
Mit diesem beruhigenden Grün.
Das ist das ganze
Geheimnis, nicht wahr,
Zerrüttung des Blicks.
(F. Mayröcker)