Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch
Ich hab schon fast vergessen, wie sich das anfühlt. Geliebt zu werden. Der eine Mensch für jemanden zu sein. Alle anderen Menschen in dieser Stadt scheinen das allerdings zu wissen.
Ich weiß gar nicht, wieso dieses Gefühl gerade jetzt wieder hochkommt. Vielleicht weil Frühling ist. Und die Pärchen ihre Sofas und Betten verlassen und raus gehen zum Knutschen. Am liebsten tun sie
das vor meinen Augen. Als ob sie darauf warten würden.
Ich weiß, dass es äußerst unsexy ist, sich als frustrierte Alleinseierin über glückliche Paare zu empören. Aber seit einigen Tagen schreit es geradezu aus mir heraus: „Pärchen stinken, Pärchen lügen,
Pärchen winken und fahren nach Rügen.“ Und verdammt, ja, natürlich bin ich frustriert. Es ist ja auch nicht auszuhalten. Keinen Meter kann man mehr aus dem Haus gehen, ohne damit konfrontiert zu
werden, dass jeder Mensch hier scheinbar seinen perfekten Gegenpart gefunden hat. Und man selbst allein beim Gemüsetürken steht. Und niemanden hat, dem man zurufen kann: „Schatz, wir könnten doch
heute abend mal wieder schön Ratatouille kochen. Wir haben doch noch den schönen Wein von Ulla und Klaus im Regal. Das wäre doch mal eine schöne Gelegenheit.“
Bei Pärchen ist immer alles schön. Und immer Wein. Und immer gibt es befreundete Pärchen, mit denen man sich abends schön trifft, schön kocht, schön Wein trinkt.
Man geht ja auch nicht mehr aus, abends, als Pärchen. Lieber schön vorm Fernseher sitzen, auf dem Sofa, zu zweit gekuschelt unter einem schönen ‚Plaid’, das man gemeinsam samstags bei Habitat gekauft
hat. „Guck mal, Schatz, wie schön, ein Plaid, da können wir uns abends schön beim Fernsehen drunterkuscheln.“ Vielleicht haben sie es auch im Manufaktum-Katalog bestellt. Da gibt’s auch viele schöne
Sachen.
Ausgehen ist was für Menschen, die auf der Suche sind. Menschen wie mich. Bei denen ist nichts schön. Bei denen heißt es samstags nachmittags ganz dreckig schwitzen im Fitness-Studio, denn mit dem
Hüftgold kriegt man garantiert keinen ab. Danach erniedrigt man sich am Telefon, um irgendeine entfernte Freundin, die auch Alleinseierin ist, davon zu überzeugen, dass sie unbedingt mit ausgehen
muss. Ist das geschafft, verbringt man zwei harte Stunden im Bad, um sich zur begehrenswertesten Frau dieser Nacht zu verkleiden. Dabei macht man das erste Bier auf. Wein ist ja für Pärchen.
Allerdings macht Bier dick, also doch lieber Wodka. Prost. Dann muss der Samstagvorabend alleine bei „Wetten dass…“ oder Musiksendern vor dem Fernseher verbracht werden, bis es endlich ein Uhr ist
und man das Haus verlassen kann.
Je später man kommt, desto besser. Man wirkt cooler, und außerdem sind die meisten Typen dann schon angetrunken. Das macht es einfacher. Und dann kommt dieses ganze Jagdverhalten. Dieses ganze
armselige Auschecken, Anpirschen, Ansetzen, Zubeißen, Auffressen, Verdauen, Nachhause gehen. Und am nächsten Morgen wieder die Gewissheit, das völlig Falsche gegessen zu haben. Nicht schön, das
alles. Gar nicht schön. Schön ist anders.
Pärchen hingegen wachen sonntags auf, knutschen trotz Mundgeruch, haben schönen Morgen-Sex und schlafen dann noch mal ein. Danach gibt es entweder schön Frühstück im Bett oder sie gehen schön
brunchen. Sie machen die Tür ihrer schönen Drei-Zimmer-Wohnung auf und gehen Hand in Hand auf die Straße.
Vorbei an einer verkaterten Alleinseierin, die gerade aus irgendeiner fremden Wohnung mit verschmierter Wimperntusche auf dem Weg in ihr Ein-Zimmer-Apartment ist. Und einfach nur neidisch ist. Auf
Euer Glück. Ihr Arschlöcher.