Milchkaffeearschlöcher
Dies ist kein politischer Text über die Ver-Yuppie-isierung des Schanzenviertels. Sondern ein Pamphlet zum Untergang der guten Kaffeekultur.
Ich bin ein Faschist. Zumindest, wenn es um Kaffee geht. Und wenn ich mir anschaue, was hier um mich herum alles als „Kaffee“ bezeichnet wird, wird mir schlecht.
Eigentlich könnte es ganz einfach sein. Es gibt drei einfache Regeln für guten Kaffee: Schwarz wie die Nacht, heiß wie die Hölle und süß wie die Liebe muss er sein. Will heißen: Espresso mit viel
Zucker. Basta.
Leider besinnt sich in Deutschland kaum jemand auf diese einfachen und traditionellen Regeln. Aber was soll man erwarten von einem Land, das den italienischen Cappuccino als eine Tasse
Blümchen-Filterkaffee mit Kondensmilch und Sprühsahne interpretiert hat?
Überhaupt, Filterkaffee, die schlimmste als schlimmen Todsünden. Guter Kaffee muss unter Druck entstehen, wie ein Diamant. In Dantes Göttlicher Komödie wurde man für Filterkaffeezubereitung und
-verbreitung in den tiefsten aller tiefen Höllenkreise verbannt. „Denk ich an Deutschland und Kaffee, tun mir die Geschmacksknospen weh“ – das wusste bekanntlich auch schon Heinrich Heine. Und lebte
dabei noch in einer Zeit, in der viele der heutigen Verunglimpfungen des Kaffees noch gar nicht existierten! In der man noch nicht eine halbe Stunde und ein Cambrigde-Zertifikat benötigte, um eine
Tasse der schwarzen Köstlichkeit zu verlangen!
Wie in so vielen anderen Dingen auch sind die Italiener im Kaffeetrinken und -kochen einfach besser. Dort geht man in eine Bar, von denen es mehr gibt als Sand an ihren schönen Meeren, wirft achtzig
Cent auf den Tresen, ordert knapp „Un caffè, per favore“ und bekommt vom Barista, einem Mann, der sich auf die Kunst der Kaffeezubereitung versteht und darin extra ausgebildet wurde, nach wenigen
Sekunden eine kleine, dickwandige, vorgewärmte Tasse mit dem schwarzen Gold drin. Ein Päckchen Zucker dazu, umrühren mit einem kleinen Löffel, sich kurz ehrfürchtig bekreuzigen, trinken, genießen,
dem Barista dankbar und respektvoll zunicken, und gehen. So einfach kann das Glück sein.
Deutschland hingegen hat sich mittlerweile zwar zumindest in den Großstädten von der Kaffee-mit-Sprühsahne-Tradition abgewandt und sie durch eine andere, amerikanische und damit vermeintlich bessere
Kaffee-Merchandisingidee ersetzt. Nun geht man in eine Franchise-Niederlassung und ordert: „Einmal Hot Whoko-Chino-Shakalaka-Mocca-Makka-Latte mit Pfefferminzsirup und Sojamilch, low-fat, short. Ach
ja, to go!“ Das nimmt dann die Studentin hinter der Kasse entgegen, kassiert dafür 12,30 Euro und ruft ihrem Kommilitonen am Kaffeevollautomat zu: „Einmal Hot Whoko-Chino-Shakalaka-Mocca-Makka-Latte,
Minze, Soja, low-fat, short, to go, bitte!“ Der drückt dann auf einen Knopf, brüllt „Einmal Hot Whoko-Chino-Shakalaka-Mocca-Makka-Latte, Minze, Soja, low-fat, short, to go“ und stellt einem einen
Pappbecher mit Schnabeltassendeckel vor die Nase. Damit geht man dann auf die Straße, nuckelt im Gehen am Plastikdeckel und verbrennt sich die Zunge. Letzteres ist dabei auch gar nicht so schlecht,
dann schmeckt man wenigstens den „Hot Whoko-Chino-Shakalaka-Mocca-Makka-Latte, Minze, Soja, low-fat“ nicht mehr.
Neben der schnellen Koffeinkick-Befriedigung gibt es noch die besonders unter Studenten und Frauen beliebte Tradition des „Kaffeetrinkengehens“. „Lass mal 'nen Kaffee trinken gehen“, sagt man, wenn
mit der besten Freundin reden muss oder wenn man den One-Night-Stand vom letzten Wochenende auf Tageslichttauglichkeit testen möchte. Beim Café-Sitzen lasse sogar ich mir etwas Milch in meinem Kaffee
gefallen, viel guter Espresso, ein Schluck heiße Milch, eine kleine Milchschaumhaube, eventuell bestäubt mit etwas Kakao – dabei lassen sich Probleme lösen! Höre ich hingegen „Latte macchiato“,
bekomme ich Krämpfe. Da kann man auch gleich einen Liter heiße Milch mit Honig trinken – Koffeingehalt gleich null. Bin ich etwa ein Mädchen?! Dann müsste ich einen „Café au lait“ aus der
Suppenterrine trinken, sie mit beiden Händen festhalten wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen und dabei Amélie-mäßig verträumt dem Regen zuschauen, wie er die Fensterscheibe herunterperlt.
Aber ich lebe ja in Hamburg, hier trinkt man nicht französisch, sondern portugiesisch. „Galao“ heißt die schlimmste Plörre seit Bestehen des Kaffees, die sich aufgrund eines gewissen Coolness-Faktors
hier durchgesetzt hat. Hippe Menschen mit geschmacklosen Sonnenbrillen trinken geschmacklosen Milchkaffee auf der Straße aus Teegläsern. Was das bitte soll, hab ich bis heute nicht begriffen.
Verachten sollte man diese Menschen, oder bedauern, ob ihrer Geschmacklosigkeit und ihrer kulinarischen Barbarei. Signore S. Presso, der Erfinder des Kaffees, würde sich im Grab herumdrehen.
Ich verlasse bald diese Stadt und ziehe in eine andere. Und zwar nur wegen meines Hasses auf Galao. Andere Gründe, aus Hamburg wegzuziehen, gibt es nämlich nicht.
Und wie die Wiener es mit ihrer Kaffeehauskultur halten, was Melange, großer Brauner, Einspänner und ein Überstürzter Neumann sind und ob man das als Kaffeefaschist unterstützen kann, das erzähle ich
Euch das nächste Mal.