Ein Herz für den Herbst

Der Herbst ist herrlich. Er ist der heimliche König unter den Jahreszeiten. Leider wissen das viel zu wenige Leute. Die denken immer nur: „Bäh, Herbst, Sommer weg, doofer Herbst, muss ich ganz schnell depressiv werden, macht man so.“ Dabei ist das ganz falsch. Der Herbst ist die beste Jahreszeit überhaupt.

Alle anderen Jahreszeiten werden komplett überbewertet, allen voran der Sommer. Sommer ist einfach nur scheiße und ich frage mich immer, warum alle ihn herbeisehnen. Für mich ist das einzig Gute am Sommer, dass es dann nicht mehr so lange bis zum Herbst dauert. Ich werde im Sommer depressiv. Da bricht nämlich der akute Fröhlichkeits-Zwang aus. Im Sommer müssen alle immer total gut drauf sein, lächeln, mit Freunden auf Wiesen Frisbee spielen, in Seen hüpfen, braun werden und bunte kurze Sachen anziehen. E-kel-haft. Ich hasse Sommer. Ich finde es nicht toll, wenn ich anfange zu schwitzen wie ein Schwein, sobald ich den Keller verlasse und dann auch noch anderen Menschen auf offener Straße dabei zusehen muss, wie sie das gleiche tun. Das riecht ja auch meist sehr unschön. Egoistischerweise nur auf ihre eigene Körpertemperaturregulierung bedacht verstoßen diese schwitzenden Menschen dann auch gerne gegen jegliche Ästhetikkonventionen und ziehen möglichst wenig an. Wenn sie überhaupt was anziehen, dann ist es bunt. Ich finde das grob unhöflich.

Im Herbst hingegen kann man eventuelles Hüftgold, weiße blaubeäderte Beine und haarige Oberkörper in warmen Jacken und langen Mänteln verstecken. Man kann so tolle Accessoires tragen wie Schals, Handschuhe und Hüte. Extravagante Damen benutzen einen Muff. Man kann sich hübsche Stiefel kaufen. Mit denen lässt es sich dann gut in raschelnden Laubhaufen herumhüpfen, über neblige Wiesen rennen und in goldroten Wäldern spazieren.
Im Herbst muss ich nicht am Sexualleben mir fremder Personen teilnehmen, die sich in warmen Jahreszeiten gerne auf Parkflächen rollen, in öffentlichen Schwimmbädern begatten oder gegenseitig die Hände unter die kurze bunte Kleidung schieben. Scheiß-Pärchen. Kennt man ja.
Auch mein eigenes Liebesleben ist im Herbst viel schöner: Ich kann endlich meinen windigen Sommerurlaubs-Flirt eintauschen gegen eine handfeste Herbstaffäre, und der nicht zu unterschätzende Vorteil von Sex vorm Kamin statt am Strand ist offensichtlich – kein Sand im Po.
Im Herbst ist alles ganz wunderbar romantisch. Man kann endlich Männer in Parks kennen lernen, wenn sie einsam im Nebel spazieren. Im Sommer geht das gar nicht, weil sie da immer den blöden Frisbees hinterher laufen. So schnell bin ich nicht.

Männer tragen im Herbst Rollkragenpullover, die ihnen sehr gut stehen, sie setzen sich Mützen auf und sehen niedlich aus, außerdem stecken sie ihre Füße nicht mehr nackig in Flipflops, sondern holen endlich wieder die Sneakers raus. Man kann mit ihnen in Cafés sitzen und Kakao mit Amaretto aus Schalen trinken, an denen man sich gleichzeitig die kalten Händchen wärmen kann. Männer finden so was meistens süß. Was sie auch süß finden: Wenn man ihnen blank glänzende Kastanien in die Manteltasche steckt. Das geht auch nur im Herbst.

Zugegeben, auch Winter und Frühling haben ihre guten Seiten. Aber an den Herbst reichen sie trotzdem nicht ran. Ja, weiße Winterlandschaften sind auch ganz schön, werden aber viel zu schnell zu Matsch und dann wird es glatt und man fällt hin. Im Frühling blüht und sprießt zwar alles ganz toll, aber wenn man gegen 24 verschiedene Pollenarten allergisch ist, macht das auch nicht wirklich Spaß. Auch bei den Männern scheint im Frühling irgendwas zu blühen und zu sprießen, sie pfeifen einem plötzlich auf offener Straße hinterher und werden furchtbar aufdringlich. Das will ja auch keiner. Ich jedenfalls nicht.

Im Herbst werden die Männer ruhiger und anlehnungsbedürftiger. Kommen mit mir nach Hause, weil es da warm ist und sie sich darauf freuen, mich aus dem Schal zu wickeln, mir die Mütze abzunehmen und aus dem Mantel zu helfen. Lassen sich von mir Tee kochen und Bratäpfel machen und bleiben ganz wunderbar zahm. So mag ich das. Mein ganz persönlicher Herbsttyp. Und vielleicht ist ja dieses Jahr sogar endlich mal einer dabei, der auch noch mit mir überwintern will.