Bozner Bohème

Dekadenz zwischen Dolce Vita, Speck, Faschismus und Caffè

Je nachdem, in welche Richtung man schaut, sieht diese Stadt entweder nach Bolzano oder nur nach Bozen aus. Also entweder nach Dolce Vita, Pizza a taglio, überschminkten Frauen mit riesigen Sonnenbrillen und Männern in schwarzen Daunenanoraks mit Fellkragen oder nach geschnitzten Fensterläden, zwischen denen dicke rotweißkarierte Federbetten lüften, nach Speck, Faschismus, Geröll und dreckigem Schnee. In den Bergen sieht aber alles nach dreckigem Schnee aus, im Herbst und im Winter, besonders, wenn überhaupt kein Schnee liegt. Bozen befindet sich in einem Talkessel, manche mögen das pittoresk finden, ich muss immer an „Kesselgulasch“ denken oder an „Polizeikessel“, und dann bekomme ich klaustrophobische Flashbacks aus der kurzen pseudo-rebellischen Phase meiner Jugend.
Ich befinde mich auf Dienstreise, genauer gesagt auf Gastspielreise, und in den vier Tagen, in denen ich in diesem viereinhalb Sterne-Schlosshotel eingebucht bin, besteht meine Aufgabe lediglich darin, an zwei Abenden jeweils zwanzig Minuten lang vor nett lächelndem Theaterpublikum über Schnitzlers „Reigen“ zu reden. Bis auf diese insgesamt vierzig Minuten Arbeit habe ich frei.
Und ich habe gerne frei. Besonders, wenn ich dabei nicht in Wien sein muss. Und noch lieber, wenn ich währenddessen in einem viereinhalb Sterne-Schlosshotel residieren darf.
Ich liebe Hotels. Man könnte es fast schon als Obsession bezeichnen. Als die Urlaube aufhörten, in denen die Eltern alles zahlten, und ich mir selbst keinen Luxus leisten konnte, habe ich im Hotel gearbeitet. Im Atlantic in Hamburg. Als Zimmermädchen. Im schwarzen Röckchen und weißen Blüschen bollerte ich mit meinem Wagen durch die Flure, bekam Hornhaut an den Fingerknöcheln vom Türklopfen, „Housekeeping!“, und Hornhaut an den Fingerspitzen vom Schlüsselumdrehen. Natürlich war das nur halb so schön wie selbst darin zu wohnen, aber besser als gar nichts. Und zum Glück sind diese Zeiten vorbei und ich befinde mich wieder auf der anderen Seite.
Das Bozner Schlosshotel ist perfekt. Weil es alt ist, weil es Jugendstillampen gibt und alte Standuhren und Kristallluster und grüne Marmorbäder. Und weil dieser Ort perfekt ist für meine Inszenierung – hier kann ich so tun, als wäre alles Vergangenheit, als käme ich hierher, um meine Schwindsucht zu kurieren oder mich zu erholen, von den langweilig gewordenen gesellschaftlichen Verpflichtungen der Großstadt.
Ich kann mich in meinem Kopf sehr gut selbst inszenieren. Ich nehme täglich mindestens ein Schaumbad in der riesigen Badewanne, danach liege ich im Bademantel (weiß, nicht gelb) stundenlang auf dem Bett und lese Zeitungen und Magazine, während ich darauf warte, dass Jason Schwartzman im Anzug und barfuß an die Tür klopft und ich Peter Sarstedt auf dem Ipod anmachen kann. Hotel Chevalier in umgekehrt, jetzt bräuchte ich nur noch den perfekten Arsch von Natalie Portman.
Dieser Aufenthalt ist besser als Urlaub – es gibt keine Verpflichtung, die Stadt da draußen zu besichtigen, ich muss nicht ins Ötzi-Museum, ich kann auch den ganzen Tag herumliegen, den „Do not disturb“-Knopf drücken und lesen, und wenn mir danach ist, kann ich in die Hotelbar gehen und einen Caffè trinken. In der Hotelbar gibt es auch einen Rauchsalon, dort sitzen auf dunkelbraunen Ledersofas vor dem Kamin Zigarre rauchende alternde italienische Geschäftsmänner, die diesen Stil und diese Eleganz haben, wie sie nur Zigarre rauchende alternde italienische Geschäftsmänner haben können.
Am Abend kann man in der Bar des Hotels, dass in seiner Broschüre übrigens seine lange Tradition mit der Information anpreist, dass hier auch schon Mussolini zu Gast war, auch sehr gut Wodka trinken. Der Barkeeper fragt nach meiner bevorzugten Wodkasorte, ich zögere – ich freue mich ja normalerweise schon, wenn’s mal Absolut statt Gorbatschow gibt – und er empfiehlt mir Belvedere, ich nicke, trinke, bin begeistert und zahle, hüstel, acht Euro.
Natürlich gehe ich manchmal auch raus, mache Spaziergänge in den Bergen, kaufe Schuhe, kaufe Lammschinken, kaufe frittiertes Gebäck.
Wehmut breitet sich aus, als ich meine fünf Schrankkoffer, die zwölf Hutschachteln und die Pralinen- und Parfumschachteln nach vier Tagen vom Personal in die Limousine laden lasse, die mich zum Hubschrauber bringt.
Beziehungsweise: Schade, denke ich, als ich nach vier Tagen meine drei Plastiktüten und den Rollkoffer durch die Hotelhalle zerre, in den Bus steige und der letzte freie Platz der neben dem rotgesichtigen Bühnenarbeiter ist, der gerade seine erste Dose Bier aufmacht.
Aber zum Glück läuft auf meinem Ipod Peter Sarstedt. Und ich kann die Augen schließen und darüber nachdenken, wie ich reich genug werden könnte, um für immer in Hotels zu wohnen.