Als ich einmal auf einen Berg stieg

Oder: Eine sehr sehr lange Geschichte, wie ich mich der Natur unterwarf

 

 

 Seit zwei Jahren wohne ich jetzt schon in einem Land, dessen Einwohner von bösen Zungen „Schluchtenscheißer“ genannt werden – und habe bisher noch nix von diesen Schluchten gesehen. Traurig, eigentlich! Mangels Autos und mangels Freizeit verbringe ich den Großteil meiner Wochenenden erschöpft-ausgebrannt in halbliegender Stellung auf dem IKEA-Sofa Mysinge, bei laufendem Fernseher und dem Laptop vor der Nase. Da ich mich dabei immer auf dem linken Ellbogen aufstütze, hat sich dort schon eine kleine rissige Hornhautstelle gebildet, die ich allabendlich mit Urea-Lotion eincreme und die mir allabendlich die Trostlosigkeit meines Lebens vor Augen führt.

 

Irgendwann war die Monotonie dann nicht mehr auszuhalten, auch nicht mehr die sommerheiße Stadt und so nahm ich dankbar den Vorschlag des Mannes an, der mit mir tagtäglich das Sofa durchsitzt: „Wir müssen mal raus! Raus aus Wien! In die Natur! Wir mieten ein Auto und fahren zwei Tage in die Steiermark!“

Gut. Der Mann und ich buchen ein Hotel in Graz, bummeln durch die Stadt, gucken in die Mur und planen Ausflüge in die Umgebung – schließlich wollten wir ja Natur und nicht nur Kleinstadt. Das freundlich-einladende Prospekt vom Grazer Tourismusverband lockt mit diversen Attraktionen: Lipizzanergestüt, Kernölmuseum, Porsche Diesel Traktormuseum, Sensenschmiede Deutschfeistritz und diverse Schlösser – aber wir wollen ja Natur. Und so entscheiden wir uns für die Bärenschützklamm: „Mit ihren 24 tosenden Wasserfällen und zahlreichen hölzernen Brücken ist sie die schönste wasserführende Felsklamm Österreichs.“

Klingt toll, nach Ronja Räubertochter und wilder Romantik.

 

Kurz überlege ich noch, ob ich für unseren Spaziergang die Flipflops anlassen soll, entscheide mich dann aber doch für Turnschuhe, es könnte ja nass sein, denke ich mir so. Am Beginn des Wegs sitzt ein dicker weißbärtiger Mann auf einem Plastikstuhl: „Grüß euch. Wollts auf die Klamm obi gehen? Da habts an Plan.“ Er drückt uns ein Faltblatt in die Hand, auf dem wilde Linien eingezeichnet sind. Ich so: „Gibt’s da einen Rundweg? Wie lang ist denn der ungefähr?“ Er so: „Ja, bis zum Eingang von der Klamm geht’s so a Stunde auffi, und da noch amal zwoa Stunden für die Klamm, dann die Einkehr in der Hüttn und dann wieder herunter, also zusammen so vier, fünf Stunden.“ Ich so: „Äh, super, danke.“

Ich werfe meinem Mann einen etwas ungläubigen Blick zu und er meint, wir sollten erst mal losgehen. Eigentlich hatte ich so an ein, zwei Stunden durch den Wald bummeln gedacht, nix mit obi und auffi, aber gut. Wird schon nicht so schlimm sein.

 

An einer Jausenstation, sprich: einem verranzten Kiosk, an dem die Dorfjugend ihr Puntigamer trinkt, kaufen wir noch ein bisschen Wasser. Kioskbesitzer so: „Wollts noch zur Klamm auffi? Jetzt noch?“ Ich so: „Äh, ja, klar. Warum denn nicht?“ Er so: „Des is scho a Stückl, und bei der Hitze? Und des Gwitter kommt eh auch bald.“

Ich gucke wieder ungläubig meinen Mann an, es ist gerade mal 12 Uhr und im Wald ist ja auch Schatten. Mein Mann meint, dass der Typ uns sicher nur verarschen will, weil wir Deutsche sind, da macht der Österreicher an sich gerne mal ein paar Witze, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Außerdem bin ich ja ein Landkind, ich bin jahrelang durch Wälder gerannt, hab Bachwasser getrunken und mich todesmutig auf die Rücken von wildfremden Weidekühen geschwungen.

 

Wir stapfen also los. Ich bin froh um die Turnschuhe, der Weg ist dann doch recht unbefestigt. Und recht steil. Ich keuche ein bisschen, ich merke, dass das Wälderrennen schon ein paar Jahre her ist und ich Sofasitzen irgendwie mittlerweile besser kann. So langsam wird mir etwas mulmig. Mein Mann und ich werden von immer mehr Menschen mit Wanderstiefeln, Alustücken und großen Rucksäcken überholt. Die grüßen alle freundlich, gucken aber auch komisch. Ich so zu meinem Mann: „Das ist sicher, weil die hören, dass wir Deutsche sind, denk dir nichts dabei.“

Wir keuchen immer weiter den Berg hoch, andere Österreicher kommen schon wieder herunter und grüßen. Ich grüße und lächle zurück und höre noch, wie der eine Mann zum anderen sagt: „Ja, jetzt lacht des Maderl noch.“

Mir wird mulmiger. Außerdem kann ich nicht mehr – nach einer Viertelstunde Steilaufstieg versuche ich meinen Mann zu überzeugen, dass wir doch eigentlich schon genug Natur gesehen haben – „Guck mal, da ist doch schon sowas wie ein Wasserfall! Wie hübsch! Das sieht da oben sicher nicht anders aus!“ – und dass wir uns ja beide auch aus Geiz nicht gegen Zecken haben impfen lassen und dass das ja voll gefährlich sei, so im Wald.

Mein Mann will aber nicht umkehren, schiebt mich ein Stück und redet mir gut zu, dass wir eh bald da wären. Ich keuche weiter. Eine österreichische Familie mit zwei Kindergartenkindern überholt uns, während ich keuchend eine Pause machen muss. Der Vater trägt ein Baby auf dem Rücken. Das weckt meinen Ehrgeiz, es kann ja wohl nicht wahr sein, dass ich, ein einigermaßen gesunder junger Mensch, diesen Scheißberg nicht hochkomme. Tapfer stapfe ich den steilsten Waldweg der Welt hinauf. Wir werden von Menschen mit Kletterseilen auf dem Rücken überholt. Ich beschließe, dass all diese Menschen irgendeinen genetischen Vorteil haben müssen und dass ich gar nichts dafür kann, es liegt mir einfach nicht im Blut, ich komme aus Hessen, da gibt’s nur den Kleinen Feldberg und da fährt man mit dem Auto hoch.

 

Irgendwann, nach etwa einer Stunde und gefühlten 5000 überwundenen Höhenmetern kommen wir an – am Eingang der Klamm. Ich fühle ein Kreislaufversagen nahen, ich muss mich erst mal hinlegen und die Füße hochlagern. Das liegt sicher auch an der dünnen Luft.

Nun muss ich allerdings entscheiden, ob wir weitergehen wollen – tja. Ich brauche mehr Informationen. Es gibt ein Kassenhäuschen mit einem Mann drin. Ich so: „Entschuldigung, ist der Weg durch die Klamm noch anstrengender als der Aufstieg hier hoch?“ Er so: „Ja, sicher. Des is doch nur a Stückerl bis da auffi.“

Ich will wieder nach Hause gehen, aber mein Mann redet mir gut zu, besonders, weil in der Zwischenzeit etwa zwölf Kinder und fünf Senioren an uns vorbeigestapft sind. „Judith, wenn die das schaffen, dann schaffst du das auch.“

 

Gut, ich bin ja auch ein Landkind, eigentlich. Das wird schon gehen. Wir zahlen also drei Euro Eintritt, weil wir nicht wie alle anderen Mitglied im Österreichischen Alpenverein sind und ich keuche weiter. Nach ein paar hundert Metern hören die steilen Wege allerdings auf und ich verstehe, was mit „Einstieg in den Steig“ gemeint ist. Zwischen den Felsspalten hindurch, in ziemlicher Höhe über dem felsigen Gebirgsbach, führen Brücken und Leitern, die aus zwei schmalen Holzbalken bestehen, zum Festhalten gibt’s einen weiteren morschen Holzbalken als Handlauf. Dieser „Weg“ führt durch die Klamm. Aha, denke ich so. Erst macht das fast noch Spaß, bisschen Abenteuer und so. Dann rutsche ich das erste Mal ein bisschen mit den Turnschuhen auf den nassen Holzbalken und mir wird schlagartig klar: Wenn du hier runterfällst, bist du tot. Es gibt zwar viele Orte, von denen man runterfallen und tot sein könnte, an denen ich mich bisher ganz gut aufhalten konnte, aber da war die Wahrscheinlichkeit nicht so groß, dass ich wirklich da runterfallen würde. Sprich: Ich fahre total gerne Achterbahn, ich war sogar schon Fallschirmspringen, aber da hing mein Leben nicht von meiner eigenen Ungeschicklichkeit ab. Da konnte ich auf andere vertrauen. Den morschen Baumstämmen und meinen Füssen traue ich allerdings wenig. Ich suche nach Plätzen, an denen der Hubschrauber der Bergrettung notfalls landen könnte, das wird aber sicher nur mit so einem runtergelassenen Seil gehen. Als ich an eine Stelle komme, wo man eigentlich über eine Art Leiter etwa 40 Meter hoch eine Felswand hochsteigen soll, gebe ich auf.

 

Natur, du hast mich besiegt!! Ich gebe klein bei!! Ich unterwerfe mich deiner mächtigen Gewalt!!

 

Ich drehe um und muss mich an weiteren Schulkindern vorbeiquetschen, die fröhlich die Leiter erklimmen. Ein Mann trägt einen mittelgroßen Hund auf den Schultern da hoch. Ein Mädchen in einer rotweiß-karierten Bluse und mit Chucks an den Füßen überwindet lässig rauchend den nächsten Abschnitt.

Ich muss mich rechtfertigen, für mein Versagen, den ganzen Weg zurück auf dem schmalen Steig. Jaja, die Flachlanddeutsche, die hat unsere schönen Berge nicht geschafft, die schaffts da net auffi. Das denken die. Die Österreicher. Sagen tun sie: „Ja, Maderl, jetzt verpasst’ ja das Beste: die Hüttn obi!“

 

Ich hab aber die Schnauze voll von obi und auffi, ich will nur noch heimi. Gedemütigt muss ich unter dem verächtlichen Blick des Mannes im Kassenhäuschen am Eingang der Klamm warten, bis mein Mann wieder zurückkommt. Der wollte nämlich weiter auffi gehen. Auch ohne mich. Eine sehr lange halbe Stunde lang habe ich Zeit über mich als Zivilisationskrüppel nachzudenken, über die Entfremdung des Menschen von seinen Ursprüngen und über völkische Vorurteile und Klischees. Dann kommt der Mann zurück, wir stapfen zurück zum Parkplatz und fahren erst mal zum McDonalds Drive-In.

Macht ja Hunger, soviel Natur.