Könige der Datenhoheit

Der Hacker ist trotz seines revolutionär-kriminellen Rufs längst angekommen im Establishment: als moderner Held. Die Spezialisten des Chaos Computer Clubs, oft Studenten, wachen über die digitalen Bürgerrechte.

Ja, ja die Nerd-Klischees. Sie stimmen alle: Hacker sind meist männlich, haben eine Gesichtsfarbe, die auf zu wenig Kontakt mit Tageslicht schließen lässt, tragen oft fusselige Bärte, lange Haare und T-Shirts, auf die technische Insiderwitze gedruckt sind.

 

Sie reden nicht viel, sondern tippen meistens, und wenn sie etwas sagen, dann kann das so klingen: "Kannst du mir den Port 4223 aufmachen?" "Nee, bau dir halt 'nen Tunnel durch einen offenen."

 

Es stimmt auch, dass Hacker literweise koffeinhaltigen Mate-Eistee trinken. Nur so können sie nächtelang entschlüsseln, verbessern und Lücken finden.

 

Denn darum geht es: Hacken, das ist an sich nichts Kriminelles, sondern ein kreativer Umgang mit Technik, so sehen es die Mitglieder des Chaos Computer Clubs (CCC), der bekanntesten deutschen Hackergemeinschaft. Als der CCC in den Kinderschuhen steckte, gab es noch kein World Wide Web, sondern BTX, das exklusiv von der Post kontrolliert wurde. 1984 hackte sich der CCC in das System und konnte die Hamburger Sparkasse um 135 000 Mark erleichtern. Das Geld wurde sofort zurückgezahlt - dem CCC ging es lediglich darum, die Lücken in dem als sicher gepriesenen System aufzudecken.

 

Dieses Prinzip gilt auch knapp drei Jahrzehnte nach der Vereinsgründung noch. Getragen wird es hauptsächlich von Studenten, denn die stellen die Kerntruppe des CCC. "Wir wollen bessere Technologien erzwingen. Haben wir eine Sicherheitslücke entdeckt, informieren wir die jeweiligen Firmen", erklärt Lila. "Lila" ist ihr Spitzname, sie ist eine 21-jährige Physikstudentin aus der Münchner CCC-Ortsgruppe. Wie viele andere Clubmitglieder lässt sie sich fast nur noch so ansprechen. "Ist praktischer, weil es so keine Namensdopplungen gibt."

 

Lila sitzt mit ihrem Laptop auf einem alten Sofa in den Clubräumen des Münchner CCC. Neben Lila sitzen Andi, Franz und Sva, ebenfalls vor ihren Rechnern. Die beiden 21 und 23 Jahre alten Jungs studieren Informatik, Sva, 29, Ethnologie und Philosophie, dazu Informatik im Nebenfach.

 

Die 95 Quadratmeter große Wohnung ist mit Jalousien verdunkelt und vollgepackt mit Technik. Überall blinkt es, an den Wänden, in den Ecken, auf dem Tisch. Rote Leuchtdioden, blaue Leuchtdioden, weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund. Zwischen allerlei Kabeln stehen "Simpsons"-Figuren, hängen Schaltpläne und Poster mit Sprüchen wie "Alles Zweifelhafte muss angezweifelt werden" und "Auch in diesen Räumen kann die Verfolgung von Straftaten nicht verhindert werden".

 

Die Wohnungstür lässt sich per W-Lan öffnen. Sva gibt eine kurze Befehlszeile, bestehend aus einer Buchstaben-Sonderzeichen-Kombination, in ihren Laptop ein, schon springt ein kleiner Motor an, der am Türschloss angebracht ist und dreht den Schlüssel. Lila tippt einen anderen Befehl in ihr Handy: Die Lampen über dem Couchtisch leuchten nicht mehr grün, sondern blau. Dafür muss man nicht einmal vom durchgesessenen Sofa aufstehen. "Techniknerds sind faul", sagt Sva, "wir versuchen, alles zu automatisieren."

 

Nette Spielereien, doch dem CCC geht es um mehr. Der Verein sieht sich als Nichtregierungsorganisation "für den Schutz digitaler Bürgerrechte". Andi sagt: "So wie sich Greenpeace um die Umwelt kümmert, kümmern wir uns um alles, was mit Computern zu tun hat."

 

Dass Hackern oft das Vorurteil anlastet, sie seien kriminell und würden die ausgespähten Daten zur eigenen Bereicherung nutzen, ist ein ewiges Ärgernis im CCC - wie auch der sogenannte Hackerparagraf. Er definiert das Programmieren von Software, die die Beschaffung zugangsgeschützter Daten ermöglicht, als Vorbereitung einer Straftat. Franz findet das absurd: "Das ist so, als würde man den Besitz eines Hammers unter Strafe stellen, nur weil man damit auch ein Fenster einschlagen kann, um irgendwo einzubrechen."

 

Die Mitglieder des Chaos Computer Club wollen aufdecken, was falsch läuft in der digitalen Welt, öffentlich machen, wo Sicherheitslücken lauern, wo Daten absichtlich oder unbeabsichtigt preisgegeben werden. "Freiheit ist eigentlich der Oberbegriff für alles", sagt Sva. Dazu gehört, dass Software für jedermann nachvollziehbar und veränderbar sein soll. Aber auch, dass jeder verstehen und verfolgen kann, welche Daten er wo preisgibt und was damit passiert.

 

"Datenhoheit ist das Stichwort. Die gilt es zu behalten", sagt Jan. Der 27-jährige Informatikstudent, Spitzname "vollkorn", sitzt in den Clubräumen des Hamburger CCC. Hier stehen ähnlich alte Sofas wie in München, auch hier surrt der Netzwerkserver, auch hier hocken die Aktivisten bei heruntergelassenen Jalousien wortkarg hinter ihren Rechnern. Sven, 25, Elektrotechnikstudent mit dem Kurznamen "scm", ergänzt: "Es geht darum, die Leute in die Lage zu versetzen, bewusst entscheiden zu können, was sie preisgeben wollen und was nicht."

 

Das Wissen darüber, welche Daten und Informationen theoretisch bloßliegen, lässt die Hacker vorsichtiger durch die digitale Welt gehen. "Verschlüsselungstechniken für E-Mails zum Beispiel sind total einfach, warum sollte ich sie also nicht nutzen", meint der 28-jährige Wirtschaftsinformatikstudent Nils, der sich im Netz "atari" nennt.

Manchmal wirkt die Vorsicht aber auch leicht paranoid. Viele CCC-Mitglieder telefonieren mit abhörsicheren Handys - auch wenn sie nicht konspirativ unterwegs sind. Es geht ums Prinzip. Selbst das W-Lan-Türschloss der Münchner Mitstreiter macht die Hamburger CCCler skeptisch: "Da fallen ja dann auch Daten an, wer wann reingekommen ist."

"Die kann man ja danach wegschmeißen."

"Und wem vertraust du das Löschen dann an?"

 

War früher die Post der Hauptfeind des CCC, weil sie das Monopol über die Telekommunikation hatte, sind es heute alle Unternehmen und Institutionen, die Daten sammeln, sie kommerziell nutzen oder mit Regierungen zusammenarbeiten. Der Name Google fällt, doch die Empörung über den Datenkraken verdecke anderes, findet Sven: "Darüber regen sich alle auf, dabei ist das Swift-Abkommen, also die Weitergabe vertraulicher Bankdaten an amerikanische Behörden, ein viel größeres Problem."

 

Für die Politik und Justiz sind die Hacker vom Chaos Computer Club mittlerweile gefragte Ansprechpartner - ob als Sachverständige bei Urteilen des Bundesverfassungsgerichts oder als unbequeme Kritiker. Die Berliner Clubzentrale liegt in der Marienstraße im Bezirk Mitte und damit in unmittelbarer Nähe zum Regierungsviertel.

 

Die Mitglieder des Vereins beobachten genau, welche Gesetze und Regelungen die Politiker sich ausdenken. Den Wahlstift zum Beispiel, der bei der letzten Hamburger Bürgerschaftswahl eingesetzt werden sollte. Durch einen Hack bewiesen die CCCler, wie leicht das System zu manipulieren ist - die Pläne wurden aufgegeben.

Aktuelles Lieblingsziel der Daten-Moralisten ist der neue E-Personalausweis mit Chip, der als elektronischer Identitätsnachweis bei Behördengängen und Internetgeschäften dient. Der CCC warnt: Im August gelang es seinen Hackern, eine Pin zu hacken, mit der solche Daten gesichert werden. Zwar konnte der Hack die Einführung des Ausweises im November nicht verhindern. Aber die Bürger, rät der CCC, könnten den Chip nun selbst deaktivieren.

 

Schülern einer neunten Klasse aus Grevenbroich gelang das bei einer Testversion des Ausweises innerhalb von zwei Unterrichtsstunden. Um engagierten Nachwuchs muss sich der Club wohl keine Sorgen machen.