JUDITH LIERE, JOURNALISTIN.



Reportagen

"Ilse Hermges hat immer ein Stückchen Wurst im Kühlschrank. Nicht für sich selbst, sondern für den Hund von Hubert Einfalt, den er mitbringt, wenn er sie besuchen wird. Seit drei Jahren wartet Ilse Hermges auf Hubert Einfalt. Aber er kommt nicht."

 

"Der Unterschied zwischen türkisch-stämmigen Großfamilien und Leinenbeutel-Hipstern, zwischen bewusst ökologisch lebenden Grünen-Wählern und Geiz-ist-geil-zelebrierenden Trainingshosenträgern, zwischen dem alten Kreuzberger Kiez und dem, was er durch steigende Mieten und sanierte Altbauten wird, er ist wahrscheinlich an kaum einem Ort so gut und komprimiert zu beobachten wie in der Markthalle in der Eisenbahnstraße."

 

"Anne Burger unterschrieb. Alles, was sie dann tat, entspricht nicht den Vorschriften. Sie packte die tote Tante in eine Tüte und stellte sie hinter den Beifahrersitz ihres VW Golfs."

 

"Hier scheinen die Bücher ungestört wachsen zu dürfen, sie wuchern aus der Bibliothek in alle Räume des Hauses, auf den Dielenboden und auf Fensterbänke, Tische, Stühle, die Terrasse. Vor der Haustür steht ein Wäschekorb mit Büchern. Jemand hat sie ausgesetzt, damit der König sie in seine Obhut nimmt."

Kolumnen

"Wenn man heute zu Freunden nach Hause eingeladen wird, sieht das so aus: Drei Paare sitzen auf Arne-Jacobsen-Stühlen an einem großen Tisch, trinken Wein aus Gläsern, die nicht von Ikea sind und essen sieben aufwendige Gänge, die meist vom männlichen Part des Gastgeberpaares gekocht wurden."

 

"1994 starb nicht nur Kurt Cobain, es wurde auch Justin Bieber geboren. Ich bin froh, dass ich damals 15 Jahre alt war und nicht erst 2014, es hätte schlimm enden können."

 

"Der perfideste Wochentag ist der Donnerstag, denn das ist der Tag des gemeinen Donnerstagsabsturzes."

 

"Meine neue Wohnung hat einen so langen Flur, dass ich vom Schlaf- ins Wohnzimmer gerne eine Station mit dem Bus fahren würde."

 

"Zwar darf man durch München noch mit Schuhen laufen, aber alles andere ist eigentlich verboten."

 

"Es gibt wenige Dinge, mit denen man sich bei Maklern einschleimen kann, ohne dass man sich danach vor lauter Selbstekel zwei Stunden lang unter der Dusche zusammenkauern muss."



About

Judith Liere lebt in Hamburg und arbeitet als Redakteurin beim Magazin stern im Kulturressort.

Ihre Kolumne "Dreißignochwas" erschien 2013/2014 im Wochenendteil der Süddeutschen Zeitung.


Judith Liere studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Italienische Literaturwissenschaft
in Marburg, Florenz und Hamburg. Nach dem Studium war sie zunächst drei Jahre als Dramaturgie-Assistentin am Wiener Burgtheater, anschließend absolvierte sie die Deutsche Journalistenschule in München. Danach arbeitete sie als Pauschalistin bei der Süddeutschen Zeitung, erst als Kultur-Reporterin im München-Ressort, dann wechselte sie als Korrespondentin für das Ressort Panorama nach Berlin. Sie war außerdem regelmäßige "Streiflicht"-Autorin. Von 2014 bis 2016 war sie Redakteurin beim Magazin NEON.


Ihre Reportagen, Porträts, Reisegeschichten und Kolumnen erschienen unter anderem in DIE ZEIT, in UniSPIEGEL, SPIEGEL Job, auf SPIEGEL online und in DER FEINSCHMECKER. Judith Liere veröffentlichte zwei Romane ("Hit-Single", Rowohlt 2006, "Probezeit", Piper 2008).

2010 wurde sie mit dem "Young European Journalist Award" der Europäischen Kommission ausgezeichnet, 2011 war sie für den "Goldenen Maulwurf" nominiert, 2016 gewann sie den Karibik-Journalistenpreis. Klingt doch ganz gut. 

 

Rechts die Links.